Entwurf der Bildungs- und Lehraufgaben für einen Lehrplan der Sekundarstufe II in Österreich
Bezeichnung: Ethik


Die Zielsetzungen des Ethikunterrichts sind an die im § 2 Abs. 1 des Schulorganisationsgesetzes festgeschriebenen Aufgaben der österreichischen Schule gebunden

 

Synopse der Lehrpläne

Die Bildungs- und Lehraufgaben der Lehrpläne für den Schulversuch "Ethik" zeigen in ihrer grundsätzlichen Orientierung ein West – Ost – Gefälle. Die westlichen Bundesländer Österreichs, Vorarlberg und Tirol, folgen eher dem moralisch-handlungsorientierten, Oberösterreich und Salzburg dem ethisch-reflexiven und das Bundesland Wien dem lebenskundlich-hermeneutischen Ansatz.

Bei einer quantitativen Betrachtung verändert sich jedoch der Eindruck, dass sich in Österreich das lebenskundlich-hermeneutische Konzept durchgesetzt hat. Von den insgesamt 48 Standorten haben nämlich nur fünf Schulen in Österreich, davon vier in Wien, in ihrer Konzeption diesen Schwerpunkt. Der weitaus größte Teil der Schulen mit einem Schulversuch befindet sich in den Bundesländern Oberösterreich und Salzburg (zusammen 34 Schulen) und diese orientieren sich am ethisch-reflexiven Konzept. Dazwischen liegen die 12 Schulen Tirols und Vorarlbergs mit einem moralisch-handlungsorientierten Schwerpunkt.

Alle Lehrpläne in Österreich führen den § 2 SchOG als Begründung für einen Schulversuch an. In der weiteren Ausdeutung in den Bildungs- und Lehraufgaben zeigen sich jedoch beträchtliche Unterschiede. Diese werden schon durch die Bezeichnungen deutlich.  Von den sieben Bundesländern, in denen es den Schulversuch gibt, wählen zwar sechs den Begriff "Ethik", aber in Wien gibt es eine breite Streuung der Bezeichnungen: KER, ERK, AKG, SoKebeWe. Offensichtlich wollte man an den Wiener Schulen deutlich machen, dass es in diesem Unterrichtsgegenstand um mehr als nur Ethik geht, nämlich um eine Auseinandersetzung mit Religionen und um Kulturkunde. Dies spiegelt sich auch in den Bildungs- und Lehraufgaben wider, in denen diese Thematik breiten Raum einnimmt. In den Bildungs- und Lehraufgaben der Lehrpläne aus Salzburg und Tirol kommen Religion und Kultur explizit nicht vor, beide Bereiche sind aber als Themenstellungen im inhaltlichen Teil der Lehrpläne vorhanden.


In Wien war es der Lehrplan des ORG 1, Hegelgasse 12, der für drei weitere Schulen als Vorlage diente, hingegen wird der Lehrplan des GRG 23, Anton Baumgartner Straße, nur an dieser Schule verwendet. Der Lehrplan des ORG 1 geht von einer defizitären Einschätzung der Schüler aus, die durch einen eigenen Unterrichtsgegenstand abgedeckt werden soll. Im Besonderen will man sich verstärkt des Erziehungsauftrages der Schule annehmen, so wie er im § 2 SchOG als Zielbestimmung der österreichischen Schule definiert ist. Diese defizitorientierte Ausgangsbestimmung mag aus zwei Gründen nicht überzeugen. Zum einen betrifft sie nicht nur Schüler, sondern insgesamt gesellschaftlich ungelöste Probleme, zum anderen vermag sie nicht deutlich zu machen, wie diesen Defiziten durch Erziehung beizukommen ist. Hingegen scheint es evident, dass Bildungsdefizite in Bereichen der Religionen, Weltanschauungen und Kultur bei jenen Schülern, die an keinem Religionsunterricht teilnehmen, durch diesen Unterrichtsgegenstand behoben werden können.

Die Lehrpläne in Oberösterreich, Salzburg und der HTL II in Innsbruck distanzieren sich ausdrücklich von einem Verständnis des Faches als einen Gegenstand, der Defizite beheben will und stellen die autonome Urteilsfähigkeit in den Mittelpunkt ihrer Bildungs- und Lehraufgaben.
Im Lehrplan des Pädagogischen Institutes Innsbruck wird mit dem Schwerpunkt des "Sozialen Lernens im Ethikunterricht" wiederum ein anderer Weg eingeschlagen, der sich der Persönlichkeitsbildung und im Besonderen der Beantwortung der Frage nach dem Sinn des Lebens widmet.

Die Analyse der Bildungs- und Lehraufgaben der Lehrpläne für einen Ethikunterricht in Österreich ergibt daher zusammengefasst folgendes Bild:

  1. Die dokumentierten Bildungs- und Lehraufgaben belegen, dass es bei der Ausgestaltung des § 2 SchOG in Hinblick auf einen Ethikunterricht sehr unterschiedliche Interpretationen und Schwerpunktsetzungen gibt. Diese verschiedenen Zugänge lassen den Schluss zu, dass zwar bei der Begründung des Unterrichtsgegenstandes ein Konsens besteht, nicht jedoch hinsichtlich der Ziele und Aufgaben. 
  2. In allen Lehrplänen ist ein mangelhafter Ausweis der Bezugswissenschaften festzustellen. Dies birgt die Gefahr in sich, dass die Inhalte der Beliebigkeit anheim fallen könnten.
  3. Bei den Zielangaben der Lehrpläne zeigt sich eine Tendenz, die "Befindlichkeit" der Schüler zu sehr ins Zentrum zu stellen. Angemessener wäre eine "Schülerorientierung", um zu gewährleisten, dass es im Ethikunterricht auch um Unterricht geht und nicht nur um das Erheben persönlicher Meinungen.
  4. Die Bildungs- und Lehraufgaben vernachlässigen über weite Strecken, auf die Ausbildung der ethisch-reflexiven Urteilsfähigkeit des Schülers Bezug zu nehmen.

 

Synopse der Lehrpläne in Deutschland

Eine Zusammenschau der in Deutschland in Verwendung stehenden Lehrpläne zum Ethikunterricht zeigt, dass sich auch hier das Fach noch auf der "Suche nach seiner Identität"  befindet. Dies wird bereits in der Positionierung des Faches deutlich. Es wird zwar meist auf den Sekundarstufen I und II angeboten (außer in Berlin, Brandenburg und Bremen, wo es derzeit nur auf der Sekundarstufe I unterrichtet wird) aber im Einzelnen differieren die Jahrgangsstufen innerhalb der Sekundarstufe I doch beträchtlich.


In den 16 Ländern Deutschlands gibt es neun verschiedene Bezeichnungen für das Fach. In acht Ländern heißt es "Ethik" (neun mit der "Allgemeinen Ethik" im Saarland) und in sechs Ländern lautet das Fach "Philosophie" (Berlin, Mecklenburg Vorpommern und Nordrhein Westfalen miteingerechnet).
Auch hinsichtlich der rechtlichen Stellung gibt es verschiedene Konzeptionen, die vom Ersatzfach (z.B. in Baden Württemberg, Hessen, Mecklenburg Vorpommern), Alternativfach (z.B. in Hamburg, Schleswig Holstein, Sachsen Anhalt) über Pflichtfach (in Brandenburg) bis hin zur Vermeidung dieser Begriffe mit der Bezeichnung "ordentliches Lehrfach" (z.B. in Bayern) reichen.  Die Tendenz geht generell dahin, die Begriffe "Ersatzfach" oder "Alternativfach" in den Lehrplänen zu problematisieren oder zu vermeiden und Ethik als ordentliches Lehrfach zu bezeichnen, das für Schüler, die sich vom Religionsunterricht abgemeldet haben oder für die kein eigener Religionsunterricht ihrer Konfession eingerichtet ist, einfach ein Pflichtfach oder, auf der Sekundarstufe II, ein Wahlpflichtfach ist. De facto ändert sich damit zwar nichts an der Tatsache, dass die Schüler zwischen Religion und Ethik wählen können, aber die als diskriminierend empfundene Bezeichnung "Ersatz" weicht zusehends dem Begriff "Pflicht", womit auch das steigende Selbstbewusstsein des Faches deutlich wird.

In den dokumentierten Bildungs- und Lehraufgaben für den Ethikunterricht gibt es einen Konsens darüber, die Wertvorstellungen, wie sie in den Landesverfassungen und im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland niedergelegt sind als unverzichtbare Grundlage für den Ethikunterricht heranzuziehen. In den meisten Lehrplänen vervollständigt ein Hinweis auf die Menschenrechtserklärung diese Trias.

Mit Ausnahme des Faches "Praktische Philosophie" in Nordrhein Westfalen haben hingegen alle Lehrpläne mit der Bezeichnung "Philosophie" und der Lehrplan des Saarlandes für "Allgemeine Ethik", in dem allerdings ebenfalls die Philosophie als vorrangige Bezugswissenschaft für den Ethikunterricht genannt ist, keine Textstellen, die auf das Grundgesetz und die Landesverfassung Bezug nehmen. Obwohl der Ethik- und der Philosophieunterricht als Pflichtgegenstände für jene Schüler eingerichtet sind, die keinen konfessionellen Religionsunterricht besuchen, unterscheiden sie sich dadurch deutlich voneinander. Während die Bildungs- und Lehraufgaben des Philosophieunterrichts die Reflexion tradierter und gegenwärtiger Denkbemühungen betonen, ist in den Lehrplänen für Ethik stärker eine Orientierung an Werten und Normen ausgeprägt, deren Anerkennung einen gesicherten Grundbestand für verantwortliches Handeln bieten soll. Der Ethikunterricht steht damit in der Spannung, einerseits einen vorgegebenen Wertekatalog reflexiv vermitteln und andererseits, die Schüler zu selbständigen (ethischen) Werturteilen erziehen zu wollen. Der Philosophieunterricht dagegen steht mit seinem Ansatz der kritischen philosophischen Reflexion aller wertbezogenen Orientierungsmöglichkeiten vor der Herausforderung, die Relevanz philosophischer Reflexion für ein wertbezogenes Handeln der Schüler transparent zu machen. Beide treffen sich in der Forderung nach einer praktischen Urteilskompetenz, schlagen jedoch verschiedene Wege ein, um diese zu erreichen.


Ein weiteres Ergebnis vorliegender Untersuchung besteht in der Präferenz, die Bildungs- und Lehraufgaben des Ethikunterrichts in Deutschland ethisch reflexiv auszurichten.


Eine lebenskundlich - hermeneutische Orientierung findet sich nur in Baden Württemberg, Brandenburg, im Lehrplan für die beruflichen Schulen in Hessen, im "Philosophieren mit Kindern" in Mecklenburg - Vorpommern und in Thüringen (jeweils auf der Sekundarstufe I).

Der moralisch-handlungsorientierte Ansatz ist im Lehrplan für die Berufsschulen in Baden-Württemberg, in Bayern, in Hessen, im (alten) Lehrplan für die Sekundarstufe II in Rheinland - Pfalz und in Sachsen zu finden.


Eine mögliche Interpretation dieser Ergebnisse wäre, sie im Kontext der Pluralität von Weltanschauungen, Bekenntnissen und Lebensorientierungen zu sehen. Angesichts dieses Befundes scheint ein Ethikunterricht, der den Schwerpunkt auf eine Anwendung bestimmter Wertvorstellungen setzt, schwierig. Ebensowenig befriedigend erscheint es, in einer lebenskundlich-hermeneutischen Orientierung das konkrete Leben der Schüler mit ihren Erfahrungen, Interessen und Neigungen zum Hauptbezugspunkt eines Unterrichts zu machen und auf normierende Wertbezüge zu verzichten. Fast zwangsläufig ergibt sich daher der Versuch, eine Position zu konzipieren, die beiden Anliegen Rechnung trägt und das Ziel ethischer Erziehung darin sieht, über die Kenntnis von normativen Systemen und deren Reflexion die Schüler zu befähigen, ihrer Lebenswelt eine Sinn- und Wertorientierung zu geben.


Dieser Befund kann aber auch dahingehend ausgelegt werden, dass nun mehr denn je die Notwendigkeit besteht, die Schüler angesichts der unübersichtlich gewordenen Orientierungsmöglichkeiten auf einen verbindlichen Orientierungsrahmen festzulegen. Dieser wird in den Lehrplänen durch die Hinweise auf die Grundwerte, die Landesverfassungen und die Deklaration der Menschenrechte ausgewiesen. Allerdings geschieht dies in den Lehrplänen in unterschiedlicher Deutlichkeit. Kaum ein Lehrplan nennt jene Werte, die durch die Landesverfassung vorgegeben sind, beim Namen oder geht explizit auf die Schulgesetze im Zusammenhang mit dem Ethikunterricht ein (mit Ausnahme von Hessen, Niedersachsen, Nordrhein - Westfalen und Rheinland Pfalz).


Ähnlich bei den Grundgesetzen der Verfassung: Meist wird nur festgehalten, dass der Ethikunterricht sich an den Grundgesetzen orientiert, ohne dass diese Werte genannt werden (auch hier gibt es Ausnahmen wie im Lehrplan für die Berufsschule in Baden Württemberg, Niedersachsen oder Sachsen Anhalt).


Des Weiteren ist festzustellen, dass als gemeinsame Bezugswissenschaften in den Lehrplänen nur die Philosophie (auch als praktische Philosophie), die philosophische Ethik und die Religionswissenschaften fungieren. Einige Lehrpläne verzichten in ihren Formulierungen der Bildungs- und Lehraufgaben ganz darauf, Bezugswissenschaften zu nennen (so der Lehrplan für das Gymnasium in Bayern, der hessische Rahmenlehrplan für die beruflichen Schulen und der Lehrplan für das Gymnasium im Saarland sowie jener aus Sachsen). Verweise auf die Politikwissenschaft, Anthropologie, Rechtswissenschaften oder anderer Bezugswissenschaften sind nur vereinzelt zu finden.

Im Vergleich zu Österreich zeigen die Lehrpläne in Deutschland ein höheres Maß an theoretischer Auseinandersetzung mit den Bildungs- und Lehraufgaben eines Ethikunterrichts. Dies dürfte durch die vorhandenen gesetzlichen Grundlagen in den Landesverfassungen und der damit längeren Tradition des Ethikunterrichts zusammenhängen.


Trotzdem ist die Diskussion um die Werterziehung und um den Ethikunterricht nach wie vor im Gange. Unmittelbarer Anlass dafür war die Wiedervereinigung Deutschlands und in der Folge der Modellversuch LER in Brandenburg von 1992 bis 1995, der den Ethikunterricht als verpflichtendes Fach einführte. Dazu kamen Grundsatzdiskussionen in den (alten) Bundesländern, wo ein Ethikunterricht neu erprobt oder eingeführt wurde (z.B. in Nordrhein Westfalen). Wie in Österreich dürften auch gesellschaftspolitische Momente eine Rolle gespielt haben, die den Werteverfall der Jugend und ihre Orientierungslosigkeit zum Inhalt hatten und haben.

Die Analyse der Bildungs- und Lehraufgaben der Lehrpläne für den Ethik- und Philosophieunterricht in Deutschland lässt sich folgendermaßen zusammenfassen:

  1. Der Pflichtgegenstand für jene Schüler, die an keinem Religionsunterricht teilnehmen, ist entweder ein Philosophie- oder ein Ethikunterricht.
  2. Die Gemeinsamkeit zwischen Philosophie- und Ethikunterricht in Deutschland besteht darin, den Schülern durch die Befähigung zur reflexiven Urteilskraft eine Orientierungshilfe für ihr Leben an die Hand zu geben.
  3. Die eingeschlagenen Wege dieses Ziel zu erreichen sind unterschiedlich: Der Philosophieunterricht stellt die Frage nach den Prinzipien menschlichen Wissens, Denkens, Handelns und des Seienden in den Mittelpunkt, der Ethikunterricht thematisiert die Werteproblematik reflexiv auf dem Hintergrund von verbindlichen Werten und Normen.
  4. Alle Lehrpläne argumentieren, dass die ethische Urteilsbildung sich in einem dementsprechenden Handeln manifestieren soll. Die Frage, inwieweit ethisch verantwortetes Handeln als Bestandteil des Ethikunterrichts zu sehen ist, ist ungeklärt. Die Bandbreite reicht von der bloßen Erschließung von theoretischen Begründungen für Handeln (Hessen) bis zur Eröffnung von Möglichkeiten im Unterricht selbst (Hamburg).
  5. Die Bildungs- und Lehraufgaben des Ethikunterrichts tragen der religiösen, kulturellen und weltanschaulichen Pluralität in unterschiedlichem Maß Rechnung. Während die religiöse und  kulturelle Vielfalt mit Konfessionen und Weltreligionen identifiziert wird, bleibt der Begriff der Weltanschauungen (und jener der Ideologie) in allen Lehrplänen unbestimmt. In den Lehrplänen für Philosophie (ausgenommen Nordrhein Westfalen) wird der Bereich der Pluralität von Bekenntnissen und Weltanschauungen in den Bildungs- und Lehraufgabe an keiner Stelle angeführt.
  6. In diesem Zusammenhang steht auch das Bekenntnis zur Pluralität mit der Anerkennung eines Wertebestandes in einer Spannung, die in den Bildungs- und Lehraufgaben zu wenig Berücksichtigung findet.
  7. Zuletzt sei angemerkt, dass sich in den Lehrplänen die dokumentierten Bildungs- und Lehraufgaben der Sekundarstufe I und II weder sprachlich noch inhaltlich wesentlich voneinander unterscheiden. Es ist daher zu fragen, wie sinnvoll diese Trennung noch ist und ob es nicht angemessener wäre einen einzigen Lehrplan für beide Sekundarstufen zu konzipieren, in dem unterschiedliche Gewichtungen Platz greifen könnten (so z.B. im Lehrplan aus Thüringen).

 

Synopse der Lehrpläne in den anderen Staaten Europas

Die Lehrpläne der Schweiz, Belgiens, Luxemburgs, Spaniens, Portugals, Schwedens, Finnlands und Norwegens

Der Vergleich der Bildungs- und Lehraufgaben des Ethikunterrichts in diesen Staaten kann nur in einem sehr eingeschränkten Ausmaß erfolgen. Dies hängt vor allem mit den unterschiedlichen gesetzlichen Bestimmungen zusammen, unter denen der Ethikunterricht angeboten wird. Grundsätzlich gibt es dabei zwei Modelle: In den meisten Staaten wird der Ethikunterricht als Wahlfach zu Religion angeboten (z. B. im Untergymnasium des Kantons Luzern, in Belgien, in Luxemburg, in Portugal und Finnland) oder er ist verpflichtend für alle Schüler vorgeschrieben (im Obergymnasium des Kantons Luzern, in Schweden, Norwegen) und hat den Status einer interreligiösen Religionskunde inne, die den Platz des konfessionellen Religionsunterrichts eingenommen hat.


Auch hinsichtlich der Orientierungen des Ethikunterrichts zeigt sich eine große Heterogenität, die nicht zuletzt in den Bezeichnungen des Faches deutlich wird. Nur in Finnland gibt es im strengen Sinn des Wortlautes einen Ethikunterricht, überall anders wird Ethik noch mit einem Zusatz (Religion, Religionskunde, Sozialunterricht, Lebensfragen, nicht konfessionell) versehen. In Portugal und Spanien ist "Ethik" gänzlich aus dem Namen des Faches herausgefallen und trägt die Bezeichnung "Persönliche und soziale Entwicklung" und "Gesellschaft, Kultur und Religion."


Von den acht Staaten ließen sich die skandinavischen Länder und Luzern dem ethisch reflexiven Ansatz zuweisen. Mit dem Lehrplan der Sekundarstufe II in Flandern und dem der Europäischen Schule in Luxemburg stellt dieser Ansatz die Mehrheit unter den grundsätzlichen Orientierungsmöglichkeiten eines Ethikunterrichts. Der lebenskundlich hermeneutische Ansatz ist zweimal, auf der Sekundarstufe I in Flandern und der Sekundarstufe II in Portugal, zu finden, der moralisch-handlungsorientierte in den Lehrplänen Luxemburgs, der Sekundarstufe I in Portugal und im Lehrplan Spaniens.

Zusammenfassend zeigt die Analyse der Bildungs- und Lehraufgaben dieser Staaten folgende Tendenzen:

  1. Der Ethikunterricht zielt eher auf die Ausbildung eines ethisches Bewusstseins oder einer ethischen Bildung als auf die Entwicklung einer ethischen Urteilskompetenz ab (mit Ausnahme des Lehrplans für das Langzeitgymnasium von Luzern).
  2. Der Unterschied wird dadurch deutlich, dass dieses Ziel eng mit jenem der autonomen Selbstbestimmung der Schüler verknüpft ist und weniger von vorhandenen Grundwerten ausgegangen wird, als vielmehr von (aktuellen) ethischen Problemstellungen, die im Unterricht reflektiert und manchmal sogar einer Lösung zugeführt werden sollen (so im Lehrplan aus Finnland).
  3. Als verbindliche Grundwerte werden in erster Linie jene Normen und Werte angeführt, wie sie durch die Erklärung der Menschenrechte vorgegeben sind.
  4. Die Lehrpläne der skandinavischen Länder und des Kantons Luzern sehen die Bildungs- und Lehraufgabe des Unterrichts vor allem durch die Behandlung der Religionen und Weltanschauungen definiert.
  5. Die Frage des Wissenschaftsbezuges in den Lehrplänen wird nur durch den Bezug zu den Religionswissenschaften eindeutig ausgewiesen. Im Lehrplan von Finnland ist einmal von "Philosophen" die Rede und in Norwegen ist an einer Stelle des Lehrplans die Philosophie genannt.
  6. Dem Bereich der Ethik wird damit insgesamt nicht derselbe Stellenwert zugemessen wie dem Bereich der Religionen und Weltanschauungen. Aufgaben, Ziele und Methoden der Ethik treten gegenüber der Behandlung konkreter ethischer Fragestellungen zu sehr in den Hintergrund.
  7. Hingegen zeigen die Lehrpläne, dass in den Bildungs- und Lehraufgaben dieser Staaten Kulturen, Kultur und Kunst wiederholt thematisiert werden (z.B. in Portugal, Spanien und Norwegen).

 

Die Lehrpläne der postkommunistischen Staaten

Dem Ethikunterricht in den postkommunistischen Staaten wurde bisher in der wissenschaftlichen Diskussion kaum Aufmerksamkeit geschenkt.
Vorliegende Untersuchung belegt, dass es in neun ehemaligen kommunistischen Staaten Lehrpläne für einen Ethikunterricht gibt.


Bezüglich des Rechtsstatus des Faches konnte der Verfasser gültige Regelungen für Lettland, Polen, Slowakei, Slowenien, Kroatien und Albanien in Erfahrung bringen. Bis auf Slowenien, wo kein Religionsunterricht angeboten wird, ist in diesen Staaten der Ethikunterricht ein Wahlpflichtfach zu Religion. In Litauen, Russland und Tschechien darf ebenfalls davon ausgegangen werden, dass es keinen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen gibt.


Alle Lehrpläne der postkommunistischen Staaten (außer Tschechien) haben in der einen oder anderen Weise "Ethik" in ihrer Bezeichnung des Faches. In Lettland auf der Sekundarstufe I und im kirchlichen Gymnasium in Nitra (Slowakei) trägt das Fach den Namen "Christliche Ethik", in Lettland (Sekundarstufe II), Litauen, Polen, Kroatien und Albanien heißt es "Ethik". Slowenien und Tschechien hingegen betonen mit der "Staatsbürgerkunde" einen gesellschaftspolitischen Aspekt, dem allerdings in den Lehrplänen selbst nicht jene gravierende Bedeutung zukommt, wie diese Bezeichnung nahelegt.


Die Bildungs- und Lehraufgaben zeigen mit ihrer mehrheitlich moralisch handlungsorientierten Konzeption, dass die Einführung dieses Faches im Kontext mit dem Zusammenbruch der früheren sozialistischen Werterziehung steht, von der sich die Staaten nach ihrer Unabhängigkeit distanzieren wollten. Gleichzeitig sollte mit diesem Fach die daraus entstandene Lücke einer Orientierungslosigkeit ("moralische Devastation" im Lehrplan der Slowakei) mit den Werten der demokratisch-freiheitlichen Rechtsordnung gefüllt werden. Dem Ethikunterricht kommt daher primär die Aufgabe zu, den Schülern Orientierungshilfen für ihr Leben in der veränderten gesellschaftlichen Situation an die Hand zu geben. Die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Wertsystemen und die Hinführung zu einem verantworteten moralischen Bewusstsein sind deshalb zentrale Inhalte der Bildungs- und Lehraufgaben. Dabei steht nicht der ethisch-reflexive Zugang, sondern vielmehr die Intention, die Schüler zur Übernahme eines "richtigen" Werte- oder Tugendkatalogs anzuleiten im Mittelpunkt (so z.B. im Lehrplan von Kroatien). Diese Absicht wird durch eine Vielzahl von moralischen Verhaltensweisen deutlich, die in den Lehrplänen dokumentiert und als Ziele des Ethikunterrichts genannt sind. Die Palette reicht von "Tugendhaltungen" ("Pflichtbewusstsein" in Litauen und Polen, "Prosozialität" in der Slowakei ) über den "gesunden Lebensstil" (Tschechien) bis hin zu Fragen der "Etikette" (Tschechien, Lettland).


Nicht zu übersehen ist die nationale Ausrichtung einiger Lehrpläne, die durch die Betonung der eigenen kulturellen Traditionen (Lettland, Litauen, Slowenien, Kroatien) die Schüler zu einer Identifikation mit dem jeweiligen Staat anleiten will.

Die Analyse der Bildungs- und Lehraufgaben der postkommunistischen Staaten ergibt daher folgendes Bild:

  1. Mehrheitlich wird in diesen Staaten der Ethikunterricht als Wahlpflichtfach alternativ zum Religionsunterricht angeboten.
  2. Die Lehrpläne sind vor dem Hintergrund bildungspolitischer Zielsetzungen des Ethikunterrichts im Zusammenhang mit der Unabhängigkeitswerdung der Staaten zu sehen.
  3. Die Bildungs- und Lehraufgaben weisen aus diesem Grund einen Akzent auf politischer Bildung der Schüler auf (z.B. Demokratieverständnis).
  4. Der Ethikunterricht geht tendenziell in die Richtung, den Schwerpunkt auf eine Moralerziehung zu legen, die auf wünschenswertes moralisches Handeln ("Tugenden") abzielt.
  5. Die Bezugspunkte für die Vermittlung eines Wertebestandes fehlen in den meisten Lehrplänen (mit Ausnahme von Slowenien, wo die Menschenrechte aufscheinen und Kroatien, wo die Ethik der Weltreligionen angeführt ist).
  6. Die Anbindung des Faches an wissenschaftliche Disziplinen ist in nur geringem Maß gegeben: Ausgewiesene Bezugswissenschaft für den Ethikunterricht ist in den Lehrplänen Polens in Ansätzen die Philosophie, in Slowenien und Kroatien die Religionswissenschaft und in der Slowakei die philosophische und religiöse Ethik.
  7. In den Lehrplänen der postkommunistischen Staaten kommt der Persönlichkeitsentwicklung im Allgemeinen und der Entwicklung einer eigenen Urteilsfähigkeit der Schüler im Speziellen nur eine untergeordnete Bedeutung zu.

(Aus: Göllner M., Die Bildungs- und Lehraufgaben des Ethikunterrichts in Europa im Vergleich, Münster 2002, S. 252–259)