“Lange Nacht”: Braucht Schule, braucht Gesellschaft heute überhaupt noch religiöse Bildung?

Das Schulamt der Erzdiözese Wien lud anlässlich der „Langen Nacht der Kirchen“ in den Zwettlerhof beim Stephansdom. Dort wartete — unter dem programmatischen Leitspruch „religion matters!“ — ein buntes Angebot auf das Publikum. Interessierte konnten sich beispielsweise informieren zum interreligiösen Projekt „OPTIMIS-TISCH“. Ebenso gab es „Facts and Figures“ zum Religionsunterricht zu erfahren. Und die Vernissage der preisgekrönten Fotoarbeiten der diesjährigen Theolympia-Ausschreibung sorgte für künstlerische Impulse. Besonders spannend aber waren die gleich drei Podiumsdiskussionen, die mit hochkarätigen Teilnehmer:innen besetzt waren.

Religiöse Bildung auch für Nichtreligiöse relevant
Religiöse Bildung ist auch für Nichtreligiöse relevant und von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung. Darin waren sich die Teilnehmenden am ersten Podiumsgespräch einig. Die Gesprächsrunde bildeten der renommierte “Standard”-Kolumnist Hans Rauscher, Erhard Lesacher, Leiter der Theologischen Kurse, Sr. Christine Rod, Generalsekretärin der Österreichischen Ordenskonferenz, Paul Summer, Maturant des Realgymnasiums Schottenbastei und zweifacher Sieger des “Theolympia”-Wettbewerbs sowie Andrea Lehner-Hartmann, Dekanin der Wiener Katholisch-Theologischen Fakultät, die vor der Diskussion ein einführendes Referat zum Thema hielt. Moderiert wurde die Diskussion von Marie-Theres Igrec, theologische Referentin im Schulamt der Erzdiözese Wien. Mehr Informtationen auf kathpress online:
https://www.katholisch.at/aktuelles/148606/lange-nacht-religioese-bildung-auch-fuer-nichtreligioese-relevant

Religionsunterricht und KI — Quo vadis?
Digitalisierungsprozesse sowie insbesondere die jüngsten Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz, kurz KI, standen im Fokus einer zweiten Podiumsdiskussion mit Expert:innen für digitale Bildung. Welche Chancen ergeben sich für den Religionsunterricht? Welche Problematiken sind hinsichtlich des gerade im Religionsunterricht so wichtigen Menschenbilds zu bedenken? Mit diesen und anderen Fragen setzen sich Ralf Hanselle, Autor von „Homo digitalis“, die Medienpädagogin Sonja Gabriel von der KPH Wien/Krems, die ausgebildete Religionslehrerin und Pastoralassistentin Steffi Sandhofer und Pater Andreas Janisch OSB vom Stift Melk auseinander. Konzipiert wurde die Podiumsdiskussion vom Wiener Fachinspektor Andreas Niedermayr, es moderierte Matthias Leichtfried vom Institut für Germanistik der Universität Wien.

Einen „fundamentalen Wandel“, bedingt durch den Medienwechsel der Digitalkultur, konstatierte gleich eingangs der Autor Ralf Hanselle. Dies berge auch eine Chance, so Hanselle. „Man kann neu definieren: Was ist der Mensch eigentlich?“ P. Andreas Janisch OSB warnte vor zu hohen Erwartungen an die KI, sah aber auch die Unterstützung im Alltag als mögliche Chance. Die Medienpädagogin Sonja Gabriel wiederum verwies auf die großen Potentiale dieser neuen Technologien vor allem im Bildungsbereich. Die Herausforderung sei es, hier immer wieder kritisch zu reflektieren. Ähnlich argumentierte auch die Social-Media-Expertin Steffi Sandhofer. Es gehe darum, bei den digitalen Themenfeldern in ethischer Hinsicht sensibel zu sein und zu bleiben. Man müsse sich jeden Tag aufs Neue in Bezug auf die KI fragen: „Wo stehe ich ethisch?“

Die Podiumsdiskussion konzentrierte sich im Folgenden vor allem auf die kritische Reflexion bestimmter neuralgischer Fragestellungen rund um Digitalisierung und KI. Der „Mensch als Datensatz“ wurde ebenso thematisiert wie der Gegensatz von digitaler Welt und sinnlicher Physis, also dem Körperbewusstsein und Körper als unserem „Zugang zur Welt, unserem sinnlichen Apparat“ (Hanselle). Der Religionsunterricht wurde als Möglichkeit gesehen, hier einen Ausgleich zur fehlenden Haptik des Digitalen zu bringen. Gerade Lernen sei etwas Soziales und der Mensch sei ein soziales Wesen, das von Vorbildern am besten lerne, lautete eine Schlussfolgerung (Gabriel). Im Religionsunterricht könnten Schülerinnen und Schüler erfahren, dass sie begleitet sind (Janisch).

Zukunftsmodelle für eine plurale und säkulare Welt
Um nichts weniger als die Zukunft des Religionsunterrichts in einer zunehmend pluralen und säkularen Gesellschaft ging es schließlich bei einer letzten Podiumsdiskussion des Schulamtes. Dabei wurde vor allem deutlich, dass es längst kooperative Formen gibt, in denen Schüler:innen unterschiedlicher Konfessionen und Religionen gemeinsam unterrichtet werden. Dies schule die Dialogfähigkeit der jungen Menschen und sei ein relevanter Beitrag zu einer demokratischen Gesellschaft, lautete ein gemeinsames Fazit der Diskutierenden. Moderiert von Fachinspektor Karl Aubert Frey diskutierten Superintendent Matthias Geist von der Evangelischen Kirche in Österreich, Theologe und Religionslehrer Christoph Tröbinger, Ulrike Sychrovsky, Lehrende an der KPH Wien/ Krems und Religionslehrerin, sowie die Wiener Schulamtsleiterin Andrea Pinz. Mehr dazu lesen Sie hier: Meldung_20240608_LNDK_Kooperationsmodelle_Sabine_Assmann_EDW_Schulamt_Wien

Beitrag: 11. Juni 2024/Sabine Assmann, Medieninformation EDW – Foto: Robert Mischa-Eibl